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Das zweite Leben des Percy Barnevik

Tuesday, June 19, 2012

Visionen sind immer noch das Kerngeschäft von Percy Barnevik. In den neunziger Jahren lenkte er den Siemens- und General-Electric-Konkurrenten ABB, den er 1988 aus Asea in Schweden und BBC in der Schweiz geschmiedet hatte. Aber Barneviks wilde Aufholjagd trieb den Konzern vor gut zehn Jahren auch beinahe in den Ruin. Inzwischen hat sich das Betätigungsfeld des Schweden mit Wohnsitz London völlig verändert. Heute kümmert sich der Einundsiebzigjährige um die Ärmsten in der Welt. Er will ihnen aus der Armutsfalle helfen und glaubt, er schaffe dies für mindestens zehn Millionen Menschen in der Dritten Welt. "Einschließlich der Familienangehörigen könnte damit 50 Millionen Menschen zu einem Dasein oberhalb der Armutsgrenze verholfen werden", sagt der Mann mit starker Gestik.

Eine abgewetzte Aktentasche wie früher hat Barnevik bei dem Gespräch nicht dabei. Aber auch im fortgeschrittenen Alter ist der Manager ruhelos unterwegs. Statt einst ABB managt er jetzt die Hilfe zur Selbsthilfe: Unternehmerisch mit Tempo, in großem Stil und niedrigen Kosten. Am folgenden Tag wird er in Zürich mögliche Sponsoren für seine Stiftung "Hand in Hand" treffen. Sie sollen 2,5 Millionen Dollar für Mikro-Kredite aufbringen, mit denen in Kenia 50 000 Jobs geplant sind. Dass sich Barnevik in der Schweiz tummelt, hat nicht nur mit seinem früheren beruflichen Netzwerk zu tun. Das Land weist die weitaus größte Millionärsdichte in Europa auf. Die Spendenbereitschaft ist traditionell hoch ebenso wie die Zahl gut verdienender Unternehmen. So ist es auch kein Zufall, dass der erste Kongress "Partnering for Global Impact", eine Art Stelldichein für Philanthropen aus aller Welt, Anfang Juli in Lugano stattfinden wird. Barnevik ist hier als Vorsitzender des Beirats in einer Schlüsselposition für die 40 Unternehmen und Organisationen, die ihre Projekte 300 Teilnehmern präsentieren.

Philanthropie gewinne immer mehr Zulauf, meint Kongress-Initiator Gamil de Chadarevian. Gerade jüngere Jahrgänge ließen sich für die Idee begeistern, hat er beobachtet. Diese Erfahrung machte auch Barnevik. 1999 engagierte er sich für "Hand in Hand". Nach seinem vorzeitigen Abschied bei ABB, wo er in Zürich zuletzt Verwaltungsratsvorsitzender war, verfügte er zudem über Millionen aus der Abfindung. Damals, im Jahr 2001, erhielt er dank mehrjähriger Boni-Programme 148 Millionen Franken (nach heutigem Kurs 123 Millionen Euro) - und wurde zu einer Reizfigur in der "Abzocker-Debatte". Barnevik zahlte freiwillig 90 Millionen Franken zurück. Jetzt versichert er: "Ich habe rund 50 Millionen Dollar in die Stiftung Hand in Hand gesteckt. Das Geld stammt aus der Abfindung bei ABB nach Steuern, und das Engagement findet die volle Unterstützung meiner Kinder."

Gutes tun, aber nicht zum Nulltarif: Diesem Leitbild folgt das Gespann Barnevik/de Chadarevian. Entsprechend sollen die geplanten Mikrokredite in Kenia eine Rendite von zwei Prozent abwerfen - nicht überbordend, aber auch kein bloßes Geschenk. Aus demselben Grund spricht der Kongress-Gründer gerne von "Mäzenen und Investoren", wenn er die Geldgeber beschreibt. Barnevik hatte mit "Hand in Hand" in Indien begonnen, das er aus seiner ABB-Zeit gut kennt. Inzwischen hat die Stiftung nach eigenen Angaben gut eine Million Jobs geschaffen und ist selbst im kriegsgeschüttelten Afghanistan aktiv. Hier spendete der frühere amerikanische Verteidigungsminister und ABB-Verwaltungsrat Donald Rumsfeld privat eine Million Dollar, berichtet der zum Entwicklungsmanager gewandelte Industrieboss. Seine Stiftung will den Armen auf vielerlei Weise helfen, nicht zuletzt durch Bildung und Ausbildung. Hierfür stehen jährlich rund 20 Millionen Dollar zur Verfügung. Das klingt nach wenig, aber Barnevik sieht eine große Hebelwirkung: ";Hand in Hand' benötigt nur 20 bis 30 Dollar für jeden neuen Arbeitsplatz in Indien." Bei den Mikrokrediten vertraut er auf Frauen, Männer hält er für nicht zuverlässig genug. Er kann auf eine Rückzahlungsquote bei den Krediten von nahezu 100 Prozent verweisen und findet: "Frauen können Berge versetzen, wenn man nicht einfach nur Geld verteilt."

JÜRGEN DUNSCH

13.06.2012. © Frankfurter Allgemeine Zeitung. All rights reserved. Provided by Frankfurter Allgemeine Archiv.